Wer ist hier der Antisemit? Ein Faktencheck für Herrn Günther
Was ist gefährlicher: die faschistische AfD oder eine CDU, die AfD-Politik macht?
Ministerpräsident Daniel Günther warnt vor der extremen Linken. Ein Blick auf die Zahlen seiner eigenen Partei wäre angebrachter. Drei Studien zeigen, wo antisemitische Einstellungen in Deutschland am weitesten verbreitet sind.
Schuldabwehr-Antisemitismus: Jede*r dritte Unionsanhänger*in stimmt zu
Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 fragt nach sogenanntem Schuldabwehr-Antisemitismus, also etwa nach der Aussage, Juden würden versuchen, Vorteile daraus zu ziehen, dass sie in der Nazizeit Opfer waren. Zustimmung findet das bei 50,2 % der AfD-Anhänger*innen und bei 32 % der Anhänger*innen von CDU/CSU. Das ist der zweithöchste Wert aller Parteien. Bei der Linken sind es 18,7 %, bei den Grünen 13,9 %.
Berlin-Monitor 2025: Rechts der Mitte am höchsten
Der Berlin-Monitor 2025 fragt nicht nach Parteien, sondern danach, wo sich die Befragten selbst politisch einordnen. Wer sich „Mitte-rechts“ (40,5 %) oder „rechts-außen“ (48,8 %) verortet, stimmt Schuldabwehr-Antisemitismus am häufigsten zu. Bei „links-außen“ sind es 4,7 %. Auch beim klassischen Antisemitismus liegen Mitte-rechts (21,3 %) und rechts-außen (33,3 %) weit vorn, links-außen liegt bei 2,8 %.
„Schlussstrich“ unter die NS-Zeit: Union über dem Durchschnitt
In einer Umfrage im Auftrag der ZEIT vom Januar 2025 wollen 90 % der AfD-Anhänger*innen und 58 % der Unionsanhänger*innen einen „Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit“ ziehen. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 55 %. Bei der Linken ist es nicht einmal jede*r Dritte (28 %).
In derselben Umfrage sagen 66 % der Linke-Anhänger*innen, Deutschland habe eine Verpflichtung, für das Existenzrecht Israels einzutreten. Das ist der höchste Wert aller Parteien. Bei der AfD sind es 31 %, der niedrigste Wert.
Fazit: Herr Günther, erst vor der eigenen Tür kehren
Antisemitismus ist kein Randproblem der AfD. Er reicht weit in die Union hinein. Wer den „Schlussstrich“ will, benutzt jüdisches Leben nur als Argument.
Auch links gibt es Antisemitismus, und den bekämpfen wir. Aber wer vor der extremen Linken warnt, sollte zuerst die Zahlen der eigenen Partei kennen.
Quellen
- Oliver Decker, Elmar Brähler: Bundestagswahl 2025 – Die Parteien und das Wählerherz. EFBI Policy Paper 2025-1, Abb. 19 (Leipziger Autoritarismus-Studie 2024, N = 2.066, face-to-face). PDF
- Gert Pickel, Oliver Decker, Katrin Reimer-Gordinskaya: Der Berlin-Monitor 2025, Abb. 5.8, S. 80 (repräsentativ für Berlin, n = 2.000). PDF
- Umfrage von Policy Matters im Auftrag der ZEIT, 14.–29.1.2025, n = 1.049, online. Berichtet u. a. im Tagesspiegel und bei Statista.






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